Weltkulturerbe-Forum im Darmstadtium

Patricia Alberth, Leiterin des Welterbezentrums Bamberg, berichtete zu Chancen und Pflichten einer Stadt mit Weltkulturerbe.

Patricia Alberth, Leiterin des Welterbezentrums Bamberg, berichtete über Chancen und Pflichten einer Stadt mit Weltkulturerbe.

Da war am Freitag eine schöne Veranstaltung von Darmstadt Marketing zu „Unesco Welterbe – Chancen für den Tourismus in Darmstadt und der Region“. Denn seitdem das mit der Bewerbung der Mathildenhöhe für diese Auszeichnung ernst wird, frage ich mich auch ganz platt, was das bringe?

Echo online: Unesco-Welterbe: Chance und Verpflichtungen

Wie so oft hängt es am Konzept und den Akteuren,

folgerte ich für mich am Schluss. Norbert Altenhöner von der Potsdamer Kulturwirtschaftsberatung „Themata“ (die unter anderem das Konzept für das Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe aufgestellt hat) hatte erklärt, dass es Welterbe kein Selbstläufer sei. Welterbe bedeute hohe Effekte für randständige Regionen und niedrige für Metropolregionen. (Was nebenbei erklärt, warum Dresden 2009 auf sein Label verzichten konnte verzichtete, als es vor der Wahl Waldschlösschenbrücke ooder Weltkulturerbe stand.

Die Mathildenhöhe bei der „Nacht in Blau“ 2015

Die Mathildenhöhe bei der „Nacht in Blau“ 2015

Dieter Hardt-Stremayr vom Grazer Stadtmarketing hatte erzählt, dass es in Österreich mal das touristische Angebot einer Welterbetour durch Österreich gab. Aber in dieser Ballung war das offenbar wenig interessant. „Nach zwei Jahren und vier Teilnehmern wurde das Angebot eingestellt“, schilderte er.

Auf der anderen Seite ist Bamberg, 71.000 Einwohner, aber 6,5 Millionen Besucher im Jahr. „Dazu kommt, dass Bamberg noch viele Brauereien hat“, sagte Patricia Alberth vom Bamberger Welterbezentrum. ;-) Bambergs Altstadt ist seit 1993 Weltkulturerbe wegen seiner mittelalterlichen Stadtstruktur.

Für das Welterbe sei formell der Bund zuständig, sagte sie, aber der übertrage diese Aufgabe auf die Kommunen. „Sie kümmern sich dann um Schutz, Erhalt und Präsentation.“ Geld von der Unesco gebe es keins, so Alberth, wenn das fördere die Unesco ärmere Länder. Aber der Bund fördere inzwischen Welterbestätten als nationale Städtebauprojekte.

Als Welterbestadt sei Bamberg als Forschungs- und Wissenschaftsstandort attraktiv, schilderte die Leiterin des Welterbezentrums. Zudem fördere der Titel die Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt.

Kleiner Fun Fact am Rande, da Patricia Alberth ja in Südhessen war, wo auch das Weltkulturerbe Kloster Lorsch ist: Das mittelalterliche „Lorscher Arzneibuch“ liegt nicht in Hessen sondern seit 1000 Jahren in Bamberg (das auch Weltdokumentenerbe ist).

Marie Luise Frey von der Fossilienfundstätte Grube Messel (Weltnaturerbe seit 1995) warb für Vernetzung mit der Region und eine entsprechende Ausbildung der Mitarbeiter vor Ort, so dass diese auch andere Attraktionen kennen. Und so ganz triviale Sachen wie Cafés, Restaurants und Unterhaltung. Denn die wenigsten Besucher wollten den ganzen Tag nur Kultur. Die Lotsenfunktion sah auch Dieter Hardt-Stremayr als sinnvoll an. Es gebe viele Städtereisende, die ohne große Vorbereitung anreisen und dann auf Tipps über die Hauptattraltion hinaus hofften.

Die Sonnenuhr des Hochzeitstrums auf der Mathildenhöhe.

Die Sonnenuhr des Hochzeitstrums auf der Mathildenhöhe.

3 Gedanken zu “Weltkulturerbe-Forum im Darmstadtium

  1. Peinlich für die Bürger, und die Stadt als Wissenschaftsstadt sollte sich was schämen: das Weltkulturerbe „Künstlerkolonie Mathildenhöhe“ wird von „Darmstadt Marketing“ gemacht – weder von Kunsthistorikern, Architekten, Archäologen noch von Künstlern. Die Vermarktung und Kommerzialisierung von Kultur hat begonnen. Sicher, jedes Weltkulturerbe muß seinen eigenen Weg gehen, wie zum Beispiel das „Kloster Lorsch“ und der „Limes“, die bereits auf Veranlassung von Nikolaus Heiss, der mit dem Damstädter Denkmalschutz eng verbunden ist, in den Räumlichkeiten der Hochschule auf der Mathildenhöhe vorgestellt wurden. Zum Kloster Lorsch gibt es im Hessischen Landesmuseum für wenig Geld die Forschungsergebnisse in einem umfangreichen Katalog zu erwerben. „Vom Reichskloster Karls des Großen zum Weltkulturerbe der Menschheit“ ISBN 978-3-86568-643-5. In Darmstadt dagegen gab es umfangreiche Haushaltskürzungen und Stelleneinsparungen im Darmstädter Denkmalschutz. Das hat bereits heute ernste Konsequenzen. Beispiel: Der Abriss der denkmalgeschützten Mauer in der Dieburger Straße zum Zwecke, dass dort ein überflüssiger Fahrradstreifen gebaut wird (Der Fußweg auf der anderen Straßenseite ist breit genug, einen Fahrradweg aufzunehmen). Jetzt wird diese Mauer aus den in Gitterkörben umregistrierten Steinen neu aufgebaut statt sie zu rekonstruieren. Übrigens: es gibt auch zeitgenössische Künstlerkolonien. Die nächste ist nicht in Darmstadt, sondern in Ober-Ramstadt in der Wacker-Fabrik. In Darmstadt gibt es keine, das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen…

    • Das Ganze wird deshalb vom Darmstadt Marketing gemacht, weil der Welterbe-Status genau das ist: Teil des Stadtmarketings. Mit Geschichte und Kultur hat das Ganze nur am Rande was zu tun. Das sieht man ja schon an der ganzen Diskussion um den Nutzen, der dreht sich immer und allein um die Frage Tourismus. Um Pflege und Erhalt von Kultur und Geschichte geht es nicht. Der Mathildenhöhe geht’s auch ohne diese Plakette ziemlich gut. Und andere Konsequenzen wie die angesprochene Mauer in der Dieburger Straße werden durch die Bewerbung noch verstärkt, denn durch die Bewerbung fließt noch mehr Geld gezielt nur in die Mathildenhöhe. Geld, das logischerweise woanders herkommen muss und dann da eben fehlt. Übrigens ironischerweise schon einer der großen Kritikpunkt, als Ernst Ludwig die Künstlerkolonie einrichtete, da gab es starke Kritik aus der Darmstädter Bürgerschaft, weil da Geld zu sehr in eine einzige Kunstrichtung gesteckt wurde zum Nachteil anderer Kunst, nur weil das auf das persönliche Interesse des Großherzogs stieß. Was ja keine ganz falsche Kritik war.

  2. Hätte Patricia Alberth nicht nur mit dem Lorscher Arzneibuch angegeben ;-) sondern auch noch mit dem einzigen Papstgrab auf deutschem Boden (Clemens II., *1005, †1047), hätten wir gestern beim Quiz punkten können. ;-) (Ich hätte natürlich auch den Bamberg-Eintrag in der Wikipedia besser lesen können.)

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