MH17-Abschuss: „Sehr viele haben stattdessen auf die sichere Geschichte gesetzt.“

Auf correctiv.org (taz.de: Gemeinnützig, investigativ und ohne Verlag) kann man eine Recherchereportage lesen (und gegen Quellennachweis auch auf seine eigene Seite kopieren), die den Abschuss der malaysischen Boeing über der Ukraine untersucht. Flug MH17 – Die Suche nach der Wahrheit. Die Reportage gibt es wegen einer Kooperation mit dem Spiegel dort auch als Multimediapräsentation. Sie ist recht lang. Ultrakurzversion: Sie kommt zu dem Schluss, dass es eine Rakete von einer russischen BUK war. Separatisten hätten das nicht geschafft, weil das Waffensystem viel zu komplex ist. Ein zweiter Schluss ist, dass man die Fluggesellschaften vor einem Überflug hätte warnen müssen.

In einem Interview schildern die Reporter unter anderem was eigentlich Recherche ist und warum aber nicht recherchiert wird.

Marcus Bensmann: Es wurde zum Beispiel im Zusammenhang mit der MH17-Geschichte ein Foto weltbekannt, auf dem eine BUK-Abschussrampe unter einem Plakat hindurchfährt. Mein erster Gedanke war: Ich gehe zu dem Unternehmen, das dieses Plakat aufgehängt hat und frage nach, wo dieses Plakat auf dem Foto hing. Also bin ich in Kiew hingegangen und habe die Autofirma, die das Plakat in Auftrag gegeben hat, gefragt: Könnt ihr mir die Standorte aller eurer Plakate nennen? Ich dachte, die Firma hat bestimmt tausende ähnlicher Anfragen bekommen. Aber die haben gesagt. „Du bist der erste, der uns fragt.“

Das Foto mit dem Plakat wurde weltweit gezeigt – und keiner fragt den Autohändler? Oder Bellingcat. Die Onlinerechercheure haben nachgewiesen, dass die BUK-Rakete auf den Fotos ziemlich sicher von einer Kursker Militärbasis stammt. Da muss man doch zu diesem Standort gehen und sich dort umschauen als Journalist.

Warum ist vorher niemand dorthin gegangen?

David Crawford: Reisen in Krisengebiete sind teuer, jemand muss das bezahlen. Und man weiß nicht, ob man tatsächlich eine vernünftige Geschichte zusammenbekommt. Das Risiko ist sehr hoch. Auf gut Glück reisen und vagen Spuren nachlaufen – so etwas wollen oder können viele Redaktionen heute nicht mehr bezahlen. Sehr viele haben stattdessen auf die sichere Geschichte gesetzt: sie sind zum Absturzort gefahren und haben dort Fotos und Interviews gemacht. Hier konnte man sicher sein, mit einer Geschichte heim zu kommen. Und sei es nur eine Trümmertourismusstory.

Und das gilt auch im Lokalteil. Halt auf einem anderen Niveau. Bezahlung nach Frequenz und Volumen fördert nunmal das Bohren dünner Bretter. Da muss das Thema schon sehr packend und der Ethos hoch sein. Ach ja, die Zeit sollte man auch noch haben. Und sei es, um nach sowas popeligem wie Kraftwerkwirkungsgraden zu schauen.

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