Hinter den Kulissen eines Kleiderkette-Artikels

Vor gut einem Jahr erschien ein kleiner Echo-Artikel (leider nicht online) von mir zu einem „Kleiderkette“-Spiel während der Orientierungswoche für Erstsemester an der TU-Darmstadt. In einem (von mir erst jetzt entdeckten) Maschinenbauer-Forum wunderten sich damals einige Studenten über die Welle, die ich in dem Text machte. Deshalb was dazu, was ich damals eigentlich vorhatte.

Einer der Studierenden wog im Forum ab:

(…) es zeugt nicht unbedingt von Reife, dass man in einem Wettbewerb verlangt, dass Probanden sich ausziehen. (…) Sicher ist es andererseits kleingeistig von den Medien, (…) aber die Sensationsgeilheit der Medien sollte jedem normalen Menschen mittlerweile aufgefallen sein.

Ein anderer fand den Artikel nur daneben:

Was für ein trauriger, schlechter Artikel! Gibts den noch Journalisten die ihre Arbeit gut machen?

Schlechter Artikel? Naja, alle Seiten hatten von mir Gelegenheit zur Stellungnahme bekommen. „Schlechte“ journalistische Arbeit wäre es gewesen, wenn ich einfach vom Leder gezogen hätte. „Sensationgeil“? Eigentlich nicht. Tatsächlich war es nämlich so, dass ich die Szene mit der Kleiderkette und den Studierenden in Unterwäsche auf dem Karolinenplatz am Rande zufällig beobachtet hatte. Da ich schon etwas älter bin, kam mir das Spiel aber seltsam vor. Und ich dachte an Fotos, die später bei Facebook oder StudiVZ etc. auftauchen könnten. Und dass es weniger schöne Menschen gibt, die das eigentlich nicht wollen, aber glauben, sie müssten. So habe ich der veranstaltenden Fachschaft eine E-Mail geschrieben. Und einfach mal gefragt, wie das so ist, mit Gruppendruck bei solchen Spielen während der Orientierungswoche und dem Risiko von fremden Leuten fotografiert zu werden, und wie das alles ausgeschlossen wird.

Nachdem (wie ich mich erinnere) eine Woche lang keine Antwort kam, schickte ich die gleiche Mail ans Fachbereichsdekanat und nochmal an die Fachschaft. Da hieß es, man werde schauen. Beide Male hatte ich mich nicht als Journalist und freier Echo-Mitarbeiter ausgegeben, denn ich wollte ja nur Antworten und gar nicht groß mit „Presse“ oder sowas drohen.

Wieder nach einigen Tagen ohne Antwort dachte ich, dass die das Aussitzen wollen, und das nun doch der Darmstädter Echo-Redaktion als Artikelthema vorzuschlagen. :-D

Hätte man mal irgendwie reagiert (und nicht so läppsch wie das Dekanat) wäre nie ein Artikel erschienen! Und ich hatte zudem die Mails unter wickel.name geschickt, die Domain, die auf dieses Blog führt – welches dezente Hinweise auf lokaljournalistische Tätigkeit enthält.

Nun, es kam anders, nach Anfragen beim Unipräsidium (und der Frauenbeauftragten, hehe, und der Fachschaft) gab es heftige Einfangversuche der Geschichte durch den Uni-Vizepräsidenten und Null Reaktion vom Fachbereich und der Fachschaft. Dem Vernehmen nach waren die Studierenden beleidigt, dass ich die Geschichte unfair an die große Glocke gehängt hätte. Unfair? Unfair wäre es gewesen die Story ohne Rückfragen rauszuhauen und Psychologen zu suchen, die das sagen, was man für eine reißerische Geschichte so braucht :-D Naja, wie gesagt, hätte man mal vorher reagiert (und sei es, dass man sich in einer Woche melden werde) wäre – wie gesagt – nicht gekommen.

Dabei war das sogar Thema einer Fachschaftssitzung wie ein Protokoll zeigt:

• Problem: „Kleiderkette zwingt zum Ausziehen“ Marc Wickel
o Antwortschreiben verfassen (bereits durch Meike geschehen)
o Andere Seite: Fotograf wollte penetrant Fotos machen
o Anbieten: Unterschriften sammeln

Und gerade „Fotograf wollte penetrant Fotos machen“ wäre doch ganz interessant gewesen. Denn den Hinweis hätte ich in meinem Artikel natürlich auch bringen müssen. Wenn man es mir mal gesagt hätte.

Die Geschichte hat schließlich einen Lauf genommen, der mich eigentlich sogar ärgert. Nämlich, dass sich erst etwas tut, wenn man die Medien einschaltet. (Dass eine Volontärin darüber geschrieben hatte, stellte ich erst danach fest – und und als ich sie fragen wollte, wie das war, war sie im Urlaub.)

Und mir ist natürlich auch klar, dass weiterhin „Kleiderkette“ gespielt werden wird. Halt etwas abseits auf einer Wiese im Herrngarten oder im Hochschulstadion.

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3 Gedanken zu “Hinter den Kulissen eines Kleiderkette-Artikels

  1. Diese komischen Orientierungswoche-Spiele scheinen ohnehin jedes Jahr suspekter zu werden. Ich seh zur Zeit jeden Tag Studenten zur Mittagszeit mit Sixpacks im Herrngarten rumtorkeln. Das war doch früher nicht so. Als ich ’97 mit dem Studium angefangen habe, war das noch nicht so. Ich kann mich an ein einziges Spiel erinnern, bei dem Alkohol im Spiel war. Für den, der an dem Spiel teilgenommen hat. Nicht für die ganze Gruppe. Es war nicht so, dass ganze Kolonnen mit der Bierflasche in der Hand rumgelaufen sind. Das Ganze scheint sich die letzten Jahre mehr und mehr in das Schema Initiationsritus (wie bei Burschenschaften) zu entwickeln.

    Ach, und Maschinenbauer sind sowieso komische Leute mit merkwürdigen Ansichten, das war allerdings schon ’97 so… ;-)

  2. Von wegen „penetrantem“ Fotograf…
    Das ist eindeutig eine Veranstaltung, und sobald die sich draußen zeigen, darf man sie fotografieren und die Bilder auch veröffentlichen. Nur halt nicht einzelne. [kunsturhg §23 (1) 3.]
    So was kann auch nur darauf abzielen, dass man fotografiert werden will. Alles andere wäre verlogen oder schizo.

  3. Naja zwischen jemanden der einen schnappschuss macht und einem penetranten fotografen besteht schon noch ein unterschied… Wenn auch vll nicht juristisch. Die kleiderkette und das trinken gehoeren bei der stadtralley einfach mit dazu, allerdings kann ich alle beruhigen es machen genug leute den spass nicht mit und werden deshalb nicht geschnitten oder aehnliches ausserdem ist meines erachtens jeder der sein maschinenbaustudium an der tud aufnimmt auch in der lage die moeglichen folgen eines solchen fotos einzuschaetzen (selbst betrunken). Ach ja, dieser tag ist einer von 2 tagen an denen in der owoche ueberhaupt nennenswerte partys bzw. Saufgelage stattfinden ich glaub das ist noch vertretbar. Dagegen das maschinenbauer komische leute sind wehre ich mich allerdings massiv ;)

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