Brennpunkt Darmstadt: No Angels, Kanzlerin und die Verschwörung gegen Sarrazint

Solar Decathlon 2009 / Washington, USA: Das Siegerhaus der TU Darmstadt. Das Team der TU Darmstadt hat beim internationalen Wettbewerb Solar Decathlon 2009 um das attraktivste und energieeffizienteste Haus den ersten Platz errungen. Damit hat es nach dem Sieg 2007 den Titel erfolgreich verteidigt. Der Wettbewerb um das beste Solarhaus wird vom US-Department of Energy veranstaltet und findet auf der National Mall in Washington D.C. statt. Foto: Thomas Ott, http://www.o2t.de

Yes, endlich! Darmstadt war diese Woche Dreh- und Angelpunkt der Republik. Hier lief der Prozess gegen eine Sängerin zuende, die Bundeskanzlerin besuchte das ausgezeichnete Plus-Energiehaus an der TU-Darmstadt und ein Focus-Redakteur bricht eine Lanze für Thilo Sarrazin.

Was das letzte mit Darmstadt zu tun hat? Der Redakteur macht aus dem inzwischen zu Eis erstarrtem Kaffee einer Sarrazin-Äußerung hier im Juni eine Verschwörung des hiesigen dpa-Mitarbeiters.

Ich weiß ja nicht, auf wen verlasse ich mich mehr nach einem mündlichen Vortrag, wie dem Sarrazins? Auf die Truppe, die sich hat berieseln lasssen, oder auf den der mitgeschrieben hat? Und dann gibt es noch so Weisheiten wie „wenn es quackt wie eine Ente ist es eine Ente“.

Und ich dachte ja Journalisten sind eigentlich verschwörungsresistent, Konspiration wird uns schließlich an jeder Ecke präsentiert. Ist ja auch logisch, Verschwörungstheorien erklären perfekt warum wie was gelaufen ist. Nur in der Regel läuft es eher blöd als konspirativ. Naja, und dann ist das vermeintliche Verschwörungsopfer ja manchmal auch nicht das hellste und hat auch Fehler gemacht – die es nur nicht einsehen will, ja nicht einmal nicht einsehen muss – war ja schließlich eine Verschwörung. Der perfekte Zirkelschluss.

Und selbst wenn im Juni falsch berichtet worden sein sollte, dann halte ich mich immer noch an Josef Joffe: „Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss.“ Aber dass der Mann vom Focus an eine Verschwörung denkt, lässt sich ja auch wieder auslegen und an Verschwörung denken. ;-)

Nachtrag: Jörg hat festgestellt, dass Sarrazin was mit einem Charakter aus (dem) einen Darmstädter Lokalschwank gemeinsam hat … :-D

Und wenn ich jetzt nochmal die dpa-Meldung anschaue und das was Sarrazin zur Zeit sagt, weiß ich gar nicht so recht, was der Focus-Redakteur da retten wollte?

Nachtrag, 7.9.2010: Mir erzählte jemand, der beim Sarrazin-Vortrag in Darmstadt dabei gewesen war, dass das was in der Zeitung stand so nicht gesagt wurde. Und dann ist da noch RP-Online:

Der Gastgeber der Veranstaltung, die Arbeitskreise Schule-Wirtschaft der Unternehmensverbände Südhessen, wandte sich gegen diese Darstellung: „Ein Zusammenhang von ethnischem Hintergrund und Intellekt wurde so von Herrn Sarrazin nicht hergestellt“, sagte der Geschäftsführer der Arbeitskreise, Reinhold Stämmler.

Hm. Den Geschäftsführer habe ich auch ein paar Mal getroffen und von dem würde ich auch nicht sagen, dass er lügt.

Aber das wird sich aufklären. Die Staatsanwaltschaft ermittelt ja und nach meinen Informationen hat sie die Teilnehmerliste der Veranstaltung angefordert.

Nachtrag, 6.10.2010: Die Sätze, die soviel wirbel machten, fielen in den letzten fünf Minuten wurde mir gesagt. Und auch, dass sie gefallen seien.


1. Der dpa-Mitarbeiter und ich kennen uns und ich habe auch für die dpa geschrieben.
2. Ein Diskussion, ob TS recht hat oder nicht – wie sie bei Stefan Niggemeier losgebrochen ist – werde ich nur sehr eingeschränkt zulassen. Wer das will, kann das in seinem Blog tun oder eines aufmachen. Ich empfehle WordPress.

Leichte Verschiebungen

So, liebe Leser, ich habe ab heute etwas ausgemistet. Die Pressemitteilungen (PM) finde ich ja ganz brauchbar, aber damit könnte man ja ein eigenen Blog füllen. Was ich von nunab bei der Außenstelle „Ludwigs Blick“ (http://ludwigsblick.wordpress.com) machen werde.

Damit verwässert „Verwickeltes“ nicht weiter, denn eine reine Pressemitteilungswiedergabe sollte das hier ja nicht werden, andererseits ist es schade, wenn so manche PM versandet. Ebenso werden bei „Ludwigs Blick nach DA und dort“ die Südhessenlinks erscheinen.

Ich hoffe mal, dass das Konzept trägt.

Deutsche Annington – die ungeplante Echo-Serie

Manche Dingen fallen einfach zusammen. Wie diesen Monat Echo-Artikel über die Deutsche Annington:
16. August: Mängel und Schandflecke am Hauptbahnhof

Seitdem das Haus nicht mehr der Bahn gehöre, passiere „gar nichts“. Der Besitzer, die Deutschen Annington, sei nicht zu erreichen, der für die Immobilie zuständig Hausmeister auch nicht, sagt eine Mieterin.

19. August: „Bundesweit nur rausholen

Der Mieterverein kennt das Unternehmen mit seinem „Schön, hier zu wohnen“-Slogan schon länger. „Der stimmt“, sagt Geschäftsführerin Heilmann ironisch, „problematisch wird es, wenn man etwas braucht.“ Das Unternehmen wolle „nur rausholen, doch nichts investieren“. Dem widerspricht Annington-Sprecherin Katja Weisker. Der Investor hinter der Annington (die britische Terra Firma) habe bisher keine Dividendenauszahlung bekommen. Das Geld gehe in die Sanierung, die Bestände und das Unternehmen.

20. August: Der Mietvertrag fehlt – Amtsgericht entscheidet voraussichtlich im Spätherbst

Der Richter gab auch einen Hinweis auf die künftige Miete, wenn man Zu- und Abschläge des Darmstädter Mietspiegels berücksichtige. Dabei kam er sogar auf einen zehn Cent niedrigeren Quadratmeter-Mietzins.

26. August: Angst vorm Aufzug

Mieter: Der Fahrstuhl in einem Hochhaus ist notorisch kaputt, weil sich die Deutsche Annington nicht kümmert. Unternehmen: Ein Außendienst fahre die Mieter mit ihren Anliegen sukzessive ab.

Wie mir gesagt wurde, besteht der Außendienst aus 220 Mitarbeitern, die bundesweit täglich 1300 Termine abarbeiteten. Wenn man das stumpf rechnet, sind das 5,9 Termine am Tag, bei einem Acht-Stunden-Tag hat ein Mitarbeiter für jeden Termin mit Anfahrt etwa 81 Minuten Zeit.

Nachtrag, 28.1.2011: „Vermieter muss auch investieren“ – Niederlage für Annington am Amtsgericht: Mieter muss keinen Zuschlag für Schönheitsreparaturen zahlen

Bond-Darsteller Connery wird heute 80 Jahre alt

Sean Connery wird heute 80 Jahre alt. Auch wenn er Bond als Rolle verfluchte, sie hat nunmal sein Leben geprägt. Für die W-Akten/Besserwisserseite hatte ich vor einigen Jahren drei Trivia-Sammlungen zum Thema Bond geschrieben (die sich teilweise wiederholen, ok, ok). Unter anderem mit Fakten wie: Bei den ersten drei Bond-Filmen läuft gar nicht Connery vor dem Pistolenlauf, sondern der Stuntman Bob Simmons. Für „Feuerball“ wurde die Szene dann mit Connery neu aufgenommen.

2002: Die Another Day
2002: Ken Adam, Bond Setdesigner von „Dr. No“ bis „Moonraker“
2006: James Bond 2006 – Neuanfang und Rückblick

Bedürfnisse nach Freundschaft und Kommunikation werden global abgekocht

Manchmal frage ich mich, ob die Leute lesen können. Da schreibe ich in mein Facebook-Profil, dass ich das Netzwerk nur zur Informationssuche nutzen und keine „Freude“ will. Und dennoch kommen Freundschaftsanfragen. Also gut, das Konto gelöscht und ein Konto unter anderem Namen angelegt.

Ich finde ich Facebooks (und StudiVZ etc.) Ansatz menschliche Bedürfnisse nach Freundschaft und Kommunikation global abzukochen, um den großen Reibach zu machen, ziemlich widerlich. (Xing ist nicht viel besser, da wird so getan, als ob jeder eine Chance hätte. Aber der Hase läuft doch eher über den Golfplatz als über so ein Karrierenetzwerk.) Eigentlich ist das ja ganz praktisch für Klassentreffen oder um gefunden zu werden, nur: Wer nach meinem Namen googelt, findet dieses Blog – und das ist schon eine ganze Menge.

Und dann sind bei Facebook alle „Freunde“. Weswegen ich mich nach kurzem überlegen entschlossen hatte alle „Freundschafts“angebote abzulehnen. Ich habe nämlich Freunde, Verwandte, Kollegen, Kontakte, Klassenkamerade, Studienkollegen sowie mehr oder weniger gute Bekannte – und bei jeder der Gruppen (das kommt noch dazu) lege ich auf einige darin mehr und auf andere weniger Wert. Das ändert sich auch noch im Laufe der Zeit. Ich will weder in irgendwelche Soziogramme und alles vernetzende Datenbanken, die ich nicht unter Kontrolle habe und die jederzeit Datenschutz- und Privatsphäre-Regeln ändern können, noch geht es andere was an, wen ich alles kenne. Wer was bei so sozialen Netzwerken alles sehen kann, finde ich ziemlich kryptisch und temporär. Und was habe ich davon bei Menschen auf Listen zu stehen, die ich regelmäßig sehe oder deren Blog ich lesen kann? Um mir bitte was genau zu beweisen?

Alles in einen „Freunde“-Topf werfen will, ich nicht. Und ich spiele auch nicht das Spiel „mein Haus, mein Auto mein Boot und meine Freundesliste“.

World Press Photo-Ausstellung auf Tour

Gestern war ich im Frankfurter Hauptbahnhof bei der Wanderausstellung der Gewinner des „World Press Photo“-Contest. Ok, manches sind Bilder, die kann jeder machen der gerade vor Ort war (dennoch eindrucksvoll der skelettierte Elefant), manche muss man sehen und dann auch machen. Manche Fotos wirken wegen der ungewohnten Perspektive, bei dem Bild des Stealth Bombers über einem Football-Stadion war mein Gedanke allerdings „Tod und Spiele“. Schön abstrakt sind die Stare über Rom.

Zufällig sind wir so durchgelaufen, dass es von drastisch zu sportlich und menschlich ging, denn Bilder einer Steinigung in Somalia oder Unruhen in Madagaskar sind als letzter Eindruck eher beklemmend. Auch wie Feuer vom Himmel (Beschuss) kommt, muss ich nicht erleben. Die Bilder sind deswegen im Innenraum der Stellwände und es stehen auch Hinweise, dass solche Fotos gezeigt werden.

Die Ausstellung ist bis zum Jahresende weltweit unterwegs, in Deutschland ist sie bis zum 16. August im Frankfurter Hauptbahnhof und vom 20. bis 30. August im Kölner Hauptbahnhof; (Stuttgart: 3.9.-13.9. Erfurt: 17.9.-27.9., Dresden: 1.-11.10., Berlin: 15.-25.10.)

Wer jetzt flexibel ist, muss später gut lügen können

Junge Menschen sollen flexibel sein, was ihre Ausbildung angeht. Sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.

„Ich appelliere an die jungen Männer und Frauen, nicht nur ihren Traumberuf im Auge zu haben, sondern sich auch für eine Ausbildung in anderen Bereichen zu interessieren.“

Und jetzt ein Zeitsprung: 2014 sitzt ein Fachinformatiker, der gut abgeschlossen hat, beim Einstellungsgespräch. Und dann kommt so eine Personalerfrage: „Wenn Sie noch einmal ganz von vorne anfangen könnten, was würden Sie wieder genauso machen, und was würden Sie anders machen?“ – „Mechatroniker lernen, nur war vor vier Jahren damals nichts frei.“ – „Und warum haben sie dann Fachinformatiker gelernt?“ – „Der Herr Hundt hat gesagt, wir sollen flexibel sein.“

Tja, blöderweise hat der Herr Hundt vergessen zu sagen, dass man bei der Frage im Vorstellungsgespräch nicht ehrlich sein soll, wenn die Ausbildung nicht der Traumberuf war. Denn seit Jahren sagen Bewerberratgeber bei der „ich würde es jetzt anders machen“-Antwort:

Mit dieser Antwort wird Ihnen kein Personalverantwortlicher abnehmen, dass Sie Ihren Job mit Motivation machen. Damit haben Sie Ihre Chancen verspielt.

Wir werden also nicht nur flexible Ausbildungswillige brauchen.

Willkommen, Bild.de-Leser!

Gerade stelle ich fest, dass die Zugriffe auf meine Gerichtsreportagen hochgehen. Klar, ich berichtete auch von Prozessen unter dem heute in der „Bild“ angeprangerten Vorsitzenden Richter am hiesigen Landgericht. Ich habe bei meinen Terminen den Richter jedenfalls als korrekten Vorsitzenden erlebt, und auch nicht den Eindruck gehabt, dass er „zu lasch“ (darum geht es doch, hm?) urteilt. Ich erinnere mich noch, wie er beispielweise einen mehrfach aufgefallenen Autodieb, Einbrecher, Räuber und Urkundenfälscher zu Sicherungsverwahrung verurteilte.

„Mächtige und Reiche, die viel zu verbergen haben, können auf spezialisierte Anwälte zurückgreifen, die Kritiker wegen Kleinigkeiten finanziell fertig machen.“

Der Schluss eines Meedia-Interviews mit dem Medienrechtsanwalt Markus Kompa über journalistische Grenzgänge, Persönlichkeitsrechte, Kachelmann, Loveparade und Verdachtsberichterstattung:

„In den letzten zirka 15 Jahren wurde das in der Nachkriegszeit eher von liberaler Meinungsfreiheit geprägte deutsche Presserecht an den bedeutenden Pressegerichten durch eine schematische Übergewichtung von Persönlichkeitsrechten beschnitten. (…) Mächtige und Reiche, die viel zu verbergen haben, können auf spezialisierte Anwälte zurückgreifen, die Kritiker wegen Kleinigkeiten finanziell fertig machen. Konzerne und Banken berufen sich erfolgreich auf angebliche „Unternehmenspersönlichkeitsrechte“, die der Meinungsfreiheit von echten Menschen vorgehen sollen. Das Äußern von Meinung ist eine riskante Sache geworden. Die Nachfrage nach Privatzensur hat so sehr zugenommen, dass das Landgericht Hamburg inzwischen eine eigene Kammer hierfür eingerichtet hat, deren Urteile Kritiker für noch befremdlicher halten, als die der legendären Hamburger Pressekammer.“