Welch‘ Gnade, Oscarpreisträger im Fernsehen

Fernsehtipp von der Medienlese:

Für “Spielzeugland” hat der Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank einen Oscar bekommen – eine Woche später versenkt die ARD den Kurzfilm im Nachtprogramm.

Ja, so sind sie unsere ÖR Qualitätsmedien. Und nachher sagen sie, Kultur und Qualität lohne sich nicht, guckt ja keiner. (Achtung, Ironie!)

ARD, Sonntag, 1. März, 23.30 Uhr
MDR, Dienstag 3. März, 22.10 Uhr

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Wenn die Agentur sich irrt

Agenturmeldungen übernehmen mag ich keiner Zeitung verübeln, nicht jede kann ein deutschland- und weltweites Korrespondentennetz bezahlen. Wenn man aber hier eine Lokalredaktion wie die Frankfurter Rundschau hat, frage ich mich schon, warum man diese DDP-Meldung blind übernahm:

Die SPD hat aber auch wirklich ein Händchen für skurrile Tagungsorte […] Nun also das „Dynamikum“ in Darmstadt, ein Hort der experimentellen Wissenschaft. Die hessische SPD will dort am Samstag nach dem Debakel des Jahres 2008 einen neuen Landesvorstand wählen

Das angesprochenen Gebäude sehen viele Bürger zwar als misslungenes Städtebau-Experiment, aber es heißt „Darmstadtium“ und nicht „Dynamikum“.

Artikel 5 Grundgesetz – Ein Grundrecht hat halt seinen Preis

In Artikel 5 Grundgesetz geht es um die Presse- und Meinungsfreiheit:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Im Zweiten Absatz stehen dann aber ein paar Einschränkungen, die das Grundrecht zu einem Grundrecht für Reiche machen können:

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Wenn sich jemand von einer veröffentlichen Meinung gestört fühlt, kann er vor Gericht ziehen. Und so hat GG Art. 5 eben seinen Preis, wie zwei Beispiele zeigen:

Der Sportjournalist Jens Weinreich hat wegen einer Meinungsäußerung eine Auseinandersetzung mit DFB-Präsident Theo Zwanziger, weil dieser sich dadurch beleidigt fühlt. Inzwischen hat Weinreich trotz der ersten gewonnenen Prozesse ein Kostenproblem:

Längst hat sich eine fünfstellige Summe an Anwalts- und Gerichtskosten angehäuft, nur ein Teil davon muss die Gegenseite erstatten. […] Jemand hat mir mal überschlagen, dass es 70.000 Euro sein könnten

Das Online-Magazin regensburg-digital.de hat eine Auseinandersetzung mit der Firma Diehl:

Wegen eines Satzes in einer Kolumne vom 25. Juli 08 geht der Rüstungskonzern Diehl gerichtlich gegen unsere Online-Zeitung vor. Diehl sieht in der von uns veröffentlichten Aussage eine unwahre Tatsachenbehauptung. Per Einstweiliger Verfügung ist uns die entsprechende Äußerung derzeit untersagt.

Laut dem Verdi-Magazin „Menschen, Macher, Medien“ liegt der Streitwert nun bei 75.000 Euro, was sich natürlich auf die Anwaltsgebühren auswirkt.

Mein Schluss: Eigentlich sofort mit dem Bloggen aufhören, weil das Risiko vor Gericht gezerrt zu werden – selbst wenn man alles gewinnt – zu hoch ist. Die beiden Fälle scheinen Bagatellen zu sein, wenn man sich anguckt, um was es geht. Aber sie können einen an den Rande des finanziellen und nervlichen Ruins bringen. Weinreich spricht davon, dass sich ein Verfahren drei Jahre hinziehen kann.

Karneval ist auch fast nicht mehr, was es mal war

Wer Karnevalssitzungen als Anhäufungen von Gardetänzen. Funkenmariechen und Büttenreden kennt, sollte mal auf eine Sitzung gehen. Bei den Büttenreden wird kaum noch zugehört, es gibt deswegen Sitzungen komplett ohne Wortbeiträge. Und die Showtänze kommen näher an Musikvideos ran, als an stumpfes „Beine hoch“.

Damen_ und Herrensitzung bei der SV Eberstadt

Allerdings kann ich verstehen, dass Büttenreden nicht mehr ankommen, wenn in ihnen nur Witze mehr oder weniger elegant aneinandergereiht werden.

Monatsgehälter machen träge

So als Selbstständigem fallen einen regelmäßig Leute auf, die auch mal nur nach Stundenbasis bezahlt werden sollten.

Heute: Schulsekretärinnen. Da schreibt man Mails und bittet um Rückruf und nichts passiert. Doch. Zwei Wochen später rief eine Lehrerin zurück. Drei Tage nach Redaktionsschluss. Nächstes Mal spare ich mir die Mail, rufe gleich an und drängle. Weil es ohne Druck ja offenbar nicht geht. Dass die Leute auch nicht kapieren, dass eine E-Mail was nettes ist, weil man Zeit bekommt seine Antwort vorzubereiten.

Eigenes Schimpfen auf Band aufgezeichnet

Das kannte ich bislang auch noch nicht: Ein Teilnehmer auf einer Informationsveranstaltung kündigt an, ein paar böse Dinge zu sagen. Und dass er seine eigenen Worte sicherheitshalber aufzeichnen werde, damit er nicht falsch zitiert wird.

Die Zukunft – Reporter verlieren Deutungshoheit

Neulich schrieb ich in einem Kommentar: „Irgendwann bringt jeder Veranstalter seine Veranstaltung als Video auf YouTube. Dann guckt jeder, der sich dafür interessiert nach, was gelaufen ist. Und wird es der jeweiligen Zeitung um die Ohren hauen, wenn was wichtiges weggelassen wurde.“

Den Spaß können wir jetzt haben, der SPD-Landratskandidat Klaus Peter Schellhaas hat seine Rede zum Wahlkampfauftakt bei YouTube eingestellt:

Rede von Klaus Peter (Pit) Schellhaas am 15. Februar 2009 zum Wahlkampfauftakt, Teil 1 + Teil 2

Zum Vergleich die Frankfurter Rundschau (Auftakt mit Zypries) und das Darmstädter Echo (Schellhaas: Der Rucksack ist gepackt).

Mein Schluss aus dieser Entwicklung ist, dass man in seinen Artikeln mehr bieten muss als den reinen Bericht von der Veranstaltung. Also mit Leuten dort reden und nicht nur schreiben wasin der großen Runde allen gesagt wurde – also Dinge erklären oder Meinungen abfragen.

Sympathiebalance

Der Angeklagte sitzt wegen eines Verkehrsdelikts vor Gericht. Er studiert Biologie. Das wirkt auf mich schon Mal positiv, das Fach habe ich schließlich auch studiert.

Der Geschädigte, der Zeuge der Anklage, kommt in den Saal und ich stelle fest, dass der in meinem Semester war – mehr aber auch nicht. Aber auch positiv.

„Sind sie der Herr Müller?“, fragt der Richter. „Doktor Müller“, antwortet dieser. Eine Promotion ist keine Monstranz – und ich darf das sagen. Negativ.

Bei der Besprechung der Lebensverhältnisse erklärt der Angeklagte, dass er sein Studium abgebrochen habe. Negativ, ich habe abgeschlossen.

Und schon sind die Sympathien wieder gleich verteilt. So einfach ist die Welt. Und jetzt schreibe ich einen fairen Artikel

Einseitige Zeitung

Auch immer wieder schön ist es, wenn man als Lokalreporter unterwegs auf Menschen trifft, die die Qualität der Zeitung bemängeln und das Quasi-Monopol eines Blattes im Ort.

Ja, stimmt, ein Oligopol verleitet zur Trägheit. Natürlich ist es was anderes, wenn man den Atem der Konkurrenz im Nacken spürt.

Nur: Wenn in dieser Stadt ein Markt für eine zweite lokale Tageszeitung wären, dann hätte doch ein Verleger hier schon längst seine Pflöcke eingeschlagen. Oder die kleine rundumschauende Zeitung aus Frankfurt hätte hier neue Abos ohne Ende eingefahren und den Lokalteil auf 16 Seiten gedruckt. Hat sie aber nicht. Die Lokalteile brachten nicht die Menge an zusätzlichen Lesern wie gehofft, also wurden sie reduziert.

Und: Wir sind hier ja nicht die einzige Stadt, in der das so ist. In Kiel gibt es nur eine Tageszeitung, ebenso in Stuttgart – naja, da sind es zwei, aber die sind aus dem gleichen Verlag. Und in der Millionenstadt Hamburg gibt es zwar viele Verleger, aber eigentlich nur das Abendblatt und die Morgenpost.

Wie man in den (Blätter)Wald reinruft …

Über manche Mitbürger, die ich als Journalist treffe, kann ich mich nur wundern. Da wird der Lokalzeitung alles mögliche unterstellt, vor allem, dass man einseitig sei, parteiisch und seine Sachen – oder die seines Vereins, Verbandes etc. – ignoriere oder verfälsche.

Hallo? Wie würde er den reagieren, wenn ich ihn privat mit analogen Vorwürfen begrüßen würde? Genau: Er würde nicht mehr mit mir reden. So. Und warum soll ich das nun als Reporter?