Föderales Einerlei
Wenn man manche Kerbreden hört, könnte man auf die Idee kommen, jeder Stadtteil hätte am liebsten seinen eigenen Bürgermeister. Dann würde es gleich viel besser laufen. Jeder löst die Probleme bei sich, weil man doch am besten weiß, was die Leut’ im Ort wollen. Föderalismus wird in Deutschland schließlich großgeschrieben.
Natürlich sollte man sich absprechen beim Föderalismus. Ein wenig zumindest. Zieht man von Berlin nach Darmstadt, sollte das Kind ohne Schwierigkeiten die Schule wechseln können. Ebenso wäre ein Einheitsabitur prima, damit es in der Schule gerecht zugeht. Schön wäre auch, wenn die Läden alle einheitlich offen hätten, damit man nicht vor verschlossenen Türen steht.
Eine einheitliche Besteuerung ist ganz wichtig, wäre ja noch schöner, wenn andere weniger Steuern zahlen als wir. Und beim Rauchverbot in Kneipen ist es doch angenehmer, dass die Länder sich einigen, anstelle dass jeder sein eigenes Feuerchen abbrennt. Man kann sich doch nicht jeden Kleinkram merken.
Föderalismus ist eben am besten, wenn alles schön einheitlich ist. (Darmstädter Echo – 16.8.2008)
Wahre Gesinnung
Wer Deutscher werden will, muss bald nach dem Willen des Bundesinnenministeriums aus einem Katalog von 300 Fragen 33 beantworten, davon 17 korrekt; 16 Fehler sind erlaubt. Kein Grund also, seine Gesinnung zu verleugnen. Man muss Fakten wie Flaggen, Bundesländer und Bundeskanzler kennen und hat dann bei den gesellschaftspolitischen Fragen sehr viel Spielraum.
Beispielsweise könnte man (Frage vier) das Faustrecht zu den Grundrechten erklären und die Prügelstrafe (Frage zehn) mit dem Grundgesetz für vereinbar finden. Bei Frage 20 hält man eine Partei, die eine Diktatur errichten will, für gesetzestreu. Die Antwort „Monarchie“ folgt bei Frage 22 nach der Staatsform.
Die Wirtschaftsform (Frage 50) ist Planwirtschaft, in Frage 51 verneinen wir das Recht auf Kritik an der Regierung und machen bei Frage 76 die CDU zum Club Deutscher Unternehmer.
Beim Wahlrecht lassen wir den Patriarchen heraushängen: Diejenige Partei gewinnt die Wahl, die von den meisten Männern gewählt wurde oder kreuzen an, dass bei uns das allgemeine Männerwahlrecht gilt (Frage 113 und 120). Natürlich wählt der Mann (Frage 133) für seine Frau mit. Hitler lassen wir bei Frage 152 von 1945 bis 1989 regieren und natürlich hat er (Frage 157) einen demokratischen Staat errichtet.
Mal schauen – bislang ein Dutzend falsche Antworten. In Frage 199 erklären wir die Stasi zum DDR-Parlament. Wer die Hosen an hat, sagen wir bei Frage 247: Nur der Mann darf den Antrag auf Eheschließung stellen. Bei Frage 252 erlaubt man Polygamie und verwehrt (Frage 267) der erwachsenen Tochter das Zusammenleben mit deren Freund.
Okay, 16 Fehler, jetzt ist es gut. Aber dafür stand man wenigstens offen und ehrlich zu seiner antidemokratischen, rechtsradikalen und patriarchalischen Gesinnung. (Darmstädter Echo – 24.7.2008)
Fastfertigstadt
Touristen, die in diesen Zeiten die Stadt erkunden, könnten meinen, Darmstadt heiße in Wirklichkeit Fastfertigstadt. Der Bahnhof: Die Stahlkonstruktion über den Gleisen schützt die Fahrgäste noch immer vor den Dacharbeiten. In der Bahngalerie gähnt noch immer die Leere in der zweiten Reihe und sowie im ersten Stock. Im Europaviertel tut sich eine wunderbare Baugrube auf. Noch ohne Wasser, aber Buchautor Thomas Deuster wartet bestimmt darauf, das Loch in die zweite Auflage seiner Darmstädter Gewässer aufzunehmen.
Dann das Kongresszentrum: Im November irgendwie eröffnet, aber irgendwie nicht fertig. Irgendwo wird immer noch gebaut, dahinter, daneben oder auf der Straße. Ebenso scheint der löcherige Rasen zwischen Kongresshotel und Staatsarchiv noch auf irgendetwas zu warten. Hoffentlich nicht aufs Darmbachwasser.
Nächste Baustelle: Das Jugendstilbad. Eröffnet, aber an den Außenanlagen wird noch gewerkelt. Wenigsten waren die Becken mit Wasser gefüllt. Denn darauf wartet die letzte halbfertige Station unseres unvollständigen Rundgangs. Das Albin-Müller-Becken auf der Mathildenhöhe. Wasserlos und halb geputzt präsentierte sich die Lilienkeramik am 100. Geburtstag der Stadtkrone. Kommen doch auch solche Termine immer so überraschend wie Weihnachten. (Darmstädter Echo – 27.5.2008)
Unter Strom
Elektrischer Strom macht Licht, das Essen warm und lässt den Fernseher laufen. Nur irgendwo muss der Saft herkommen. Atomstrom will keiner, wegen der radioaktiven Strahlung. Kohlekraftwerke, egal ob mit Braun- oder Steinkohle, will auch keiner. Sie setzen den Klimakiller Kohlendioxid frei. Mit Gas- und Ölkraftwerken ist es ähnlich. Und zudem ist es ärgerlich, Öl zu verstromen, weil man daraus Benzin fürs Auto machen kann.
Solaranlagen könnte man auf Hausdächer setzen, aber dann sind die Dachziegel nicht mehr einheitlich rot. Dann gilt auch noch Baurecht, und in die Gegend passen sollten sie auch. Sonst finden das einige hässlich. Zumal es bei uns ja immer regnet.
Windräder will auch keiner, die sind auch hässlich und verspargeln die Landschaft. Zudem machen sie durch ihre rotierenden Propeller nervös und belästigen im Infraschallbereich. Wasserkraftwerke will auch keiner, müsste man doch einige Täler in Stauseen verwandeln. Was die Bewohner einiger malerischer Flecken nicht lustig finden werden. Und wenn man die Flüsse staut, dann kommen die Fischfreunde und beklagen den Artenverlust wegen unerreichbarer Laichplätze für die beflossten Lieblinge. Zur Erdwärmenutzung muss man tiefe Löcher bohren. Das kann schief gehen, wie damals in Basel. Dort bebte die Erde.
Bleibt noch Biogas, aber das wird nicht jeder mögen, weil man es ja riechen könnte. Zudem verdirbt es die Lebensmittelpreise, wenn das Gemüse zu Strom vergärt anstelle zu Leipziger Allerlei verdost wird.
Also alles etwas, was irgendeiner partout nicht haben will. Richten wir uns also schon mal auf dunkle Nächte, kalte Küche und schwarze Bildschirme ein. (Darmstädter Echo – 26.3.2008)