Die Darmstädter Version des Hauptmann-von-Köpenick-Dilemmas?

Jetzt konnte ich tatsächlich eine relativ alte selbst erlebte Geschichte verkaufen, weil sie gestern im Stadtparlament einen neuen Dreh bekam:

Vor einigen Jahren bettelte ein Mann mit einer Gitarre Gäste vor dem Café „Salve“ an. Er brauche etwas Geld, damit er die Genehmigung bezahlen könne, um auf der Straße spielen zu dürfen. Das klang natürlich sehr nach einer Hauptmann-von-Köpenick-Varinante (kein Geld für die Gebühr, keine Erlaubnis zum Spielen, keine Einnahmen, kein Geld für die Gebühr, …), also bekam er ein paar Euro.

Ich fragte damals beim Ordnungsamt nach, ob das mit der Gebühr stimme – nun, es stimmte nicht. Aber bald wird es wahr. Echo Online: Straßenmusiker müssen künftig fünf Euro zahlen

Die Schaumschläger des Jahres: Die Wort des Jahres-Jury

Das Wort des Jahres 2014 ist: Lichtgrenze! Lichtwas? Ja, ein Wort, das Ende des Jahres aufkam für einen singulären Event zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Es beschreibt, wie mit Leuchten der Verlauf der Berliner Mauer zum Jahrestag des Mauerfalls nachgebildet wurde. Hübsch, aber “Lichtgrenze” soll das Wort des Jahres – des Jahres! – sein?

Für mich disqualifizieren sich die Jurys damit selbst und man sollte einfach mal mit der Berichterstattung aussetzen, bis da vernünftige Kriterien und Relevanzbezüge definiert sind. Ich denke nur daran, wie sie sich 2012 die “Rettungsroutine” quasi ausgedacht haben …

Der Schatz von Kranichstein – Die DKP blickt auf die “Soziale Stadt”-Förderung

Die "Neue Mitte" in Kranichstein war das letzte große Projekt des Städtebauprogramms "Soziale Stadt" in Kranichstein.

Die “Neue Mitte” in Kranichstein war das letzte große Projekt des Städtebauprogramms “Soziale Stadt” in Kranichstein.

1,3 Millionen Euro kostete die “Neue Mitte“, ein Platz in der Kranichsteiner Bartningstraße, der infolge von zwei Planungswerkstätten mit Bürgern und Einrichtungen entstanden war.

In ihrem aktuellen “Blickpunkt Kranichstein” (PDF, 1,3MB) schreibt die DKP dazu

1,3 Millionen Euro in Beton gegossen – Bei der Besichtigung des Boulevards breche ich in spontanen Jubel aus. Da haben sich die Stadtplaner wirklich was nettes für uns ausgedacht. Sofort mache ich mich auf die Suche nach dem vergrabenen Schatz. Irgendwo müssen die 1,3 Millionen ja liegen. Oder habe ich da was falsch verstanden?

Sonntag (7.) hatte die DKP dann zu einer kleinen Begehung eingeladen. Echo Online: Kritik der Kommunisten an der „Sozialen Stadt“ – „Viel Geld in Beton investiert“: DKP-Mitglieder bemängeln bei Rundgang den Umgang mit Fördermitteln

Rund 7,5 Millionen Euro stecken über das Bund-Länder-Programm “Soziale Stadt” in baulichen Maßnahmen in Kranichstein, in Eberstadt sind es um die 7,7 Millionen Euro.

Wo – ich nenne es mal – der “Schatz von Kranichstein” vergraben ist, haben sich die Genossen (vielleicht unbemerkt) selbst beantwortet. Weiterlesen

Heinertown hört Ende November auf

Die Darmstädter Online-Zeitung “Heinertown” hört auf, wie der Verlag in einer E-Mail an die Abonnenten mitteilt. Mit dem Tod des Herausgebers Uwe Lorenz am 13. September 2014 habe man “ihren Kopf, Motor und Netzwerker verloren”.

Leider sei es nicht gelungen, ein schlagkräftiges Führungsteam zu finden, erklärt der Verlag, sodass die Online-Zeitung zum 30. November eingestellt wird.

“Heinertown” war im Frühjahr 2010 gestartet. Ungewöhnlich für eine Online-Zeitung war, dass es sie nur im Abo gab. Allerdings war die Berichterstattung schnell umstritten; Lokalpolitiker sagten mir, sie fänden, dass die Geschichten gerne einen “Dreh” bekämen. Auch ich hatte das oft Gefühl, dass bei “Heinertown” der Trend einer Geschichte vorher festgelegt worden war, was dann zu einem … äh, einzigartigen … Stil für eine Lokalzeitung führte. Beispielsweise sorgte man sich bei der Stadt und den Fans des SV98, dass das Stadion rechtzeitig zum Zweitligastart in diesem Jahr wieder bespielbar ist. Aus dieser Mitteilung wurde ein Artikel, den man so verstehen kann, dass der Geschäftsführer der Sportstättenverwaltungsgesellschaft versage.

Ich hatte mich als freier Journalist dort auch mal gemeldet und wurde drei Monate später angerufen. Nachdem mir der Herausgeber die Randbedingungen genannt hatte, hatte ich nach kurzer Nachfrage aufgelegt – ich hatte noch nicht mal nach Honoraren gefragt.

Und im Spätsommer 2011 mahnte “Heinertown” einen Darmstädter Blogger ab, der den Stil der Webzeitung kritisiert hatte, was ich dann hier im Blog verfolgte.

Ich fand es erstaunlich, wie “Heinertown”, das gegen alle möglichen Einrichtungen und Parteien austeilte, im September 2011 sehr unsouverän im Einstecken war. Es passte meiner Meinung nach halt nicht zusammen, sich auf Presse- und Meinungsfreiheit zu berufen und dann selber andere deswegen juristisch anzugehen. Eine politische Gruppierung sprach infolge der Geschichte auch nicht mehr mit der Online-Zeitung.

Wo ich “Heinertown” aber wirklich vorne sah, war bei seinen Artikeln über das Klinikum Darmstadt und den Aktionen des damaligen Chefs. Auch so einige Artikel über die HSE und ihre damaligen Vorstände waren gut. Aber – so mein Eindruck – mit der Geschichte um einen Posten für den Darmstädter CDU-Vorsitzenden im Klinkum ein Jahr nach der Abmahnungsgeschichte, im September 2012, war die Luft aus meiner Sicht irgendwie raus. Zum Schluss – und das auch schon vor dem plötzlichen Tod des Herrausgebers – fehlte es meiner Meinung nach schon an Mitarbeitern; viele Meldungen waren redigierte Pressemitteilungen.

Krautreporter spielt Tageszeitung

Bei Krautreporter gibt es eine Interviewreihe “jung&naiv“, die sich dadurch auszeichnet, dass gefragt und geantwortet wird. Kritisch hinterfragt und einsortiert wird da nichts, so wie ich das bislang sehe. Man fragt halt – zum Nahostkonflikt – alle Seiten und publiziert das.

Sorry, aber es mag ja das “jung&naiv”-Konzept sein, aber genau das was da abgeliefert wird, ist das was ich bei KR eben nicht erwartet habe. Nicht einfach das, was man gerade in Block geschrieben bzw. aufgezeichnet hat, 1:1 durchschalten, sondern – weil man Zeit hat, weil man nicht auf den schnellen Klick aus ist – das was da einer einem erzählt, gegenzurecherchieren.

Wo ist denn die Tiefe, die möglich ist, weil man eben nicht auf Anzeigenkunden setzt?

Und nein, nur weil man nachher alle Seiten ein Forum gegeben hat, ist das noch lange nicht die neue Form des Journalismus oder gar die Rettung des Online-Journalismus. Ich möchte doch nicht – gerade bei KR – die mit Fragen unterbrochene Selbstdarstellung einer Gruppe lesen, die ich vermutlich auch auf deren Website am Stück finden könnte.

Das was dort mit der Interviewreihe läuft, kann und macht die lokale Tageszeitung auch. Pressemitteilung z.B. von der SPD redigieren und drucken. Am Tag drauf reagieren CDU, Grüne etc., schicken auch ihre Statements, die man dann wieder redigiert und druckt. Und so weiter und so fort.

Nachtrag: Ich finde, dass dieses Format bei KR nichts zu suchen hat, weil es eben dem selbstgesetzen

Es wird ein Korrektorat und einen Faktencheck geben – in Zeiten, da Korrektorate abgeschafft werden. (…) Im Mittelpunkt sollen lieber Recherche, Reportage, Analyse stehen …

fundamental widerspricht. Hier wird aber jeder Leser mit seinen Vorurteilen alleinegelassen und pickt sich – im Endeffekt als Folge der weiterhin bestehenden Ratlosigkeit – wieder das raus, was ihm passt. Das habe ich auch bei SpOn. Oder bei irgendeinem Blog.

Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. So eine Ansage, monatelanger Vorlauf und dann keine Zeit für diesen “Faktencheck” gehabt geschweige denn mal dran gedacht? Gerade bei einem Thema wie dem Nahostkonflikt?

Krautreporter – “die etwas einfältige Aufteilung der Welt”

Die Krautreporter sind online. Da ich ja beim Marketing so meine Zweifel bekam, nun will ich auch zum Inhalt was sagen. Und habe Glück, dass es Frank Schmiechen bei der “Gründerszene” schon geschrieben hat:

Die Krautreporter sind online – und haben den Journalismus nicht neu erfunden – (…) eine schöne Website, die soliden bis etwas naiven Journalismus präsentiert, der so wahrscheinlich auch in etablierten Medien seinen Platz finden würde. Euer Angebot wird sicher noch reichhaltiger und vielleicht finden sich dann auch Texte, die die etwas einfältige Aufteilung der Welt in schwarz und weiß einfach mal auf den Kopf stellen.

Ich weiß ja nicht, ob ich da seltsame Schwerpunkte habe, aber auf der deutschen vice.com oder welt.de entdecke ich aktuell genau so viele Texte wie bei Krautreporter, die mich interessieren. Drei bis vier. Naja.

Und da die Nahostartikel der übliche Mainstream sind, werde ich die Mitgliedschaft wohl eher nicht verlängern. (Und das mit dieser “Anne Frank”? Was wird denn da am Schluss des für Nichtmitglieder lesbaren Teils für ein Vergleich einfach so unreflektiert durchgeschaltet nur weil es ein anderer so gesagt hat? Krautreporter ist doch gerade keine Tageszeitung, wo es einen täglichen Redaktionsschluss gibt und man dann erst am übernächsten Tag die Gegenposition bringt.)

Die Längen, die andere kritisieren, finde ich ok, denn dass ist die andere Chance bei Online: Man hat eben auch mal Platz. (Die andere Online-Stärke ist, dass man verlinken kann, wenn es woanders schon (und besser) erklärt ist.)

Das Layout ist zwar sehr aufgeräumt, aber etwas wertiger (ein schönes Wort, weil jeder was anderes darunter verstehen kann) könnte es schon ausssehen. Vor allem stört mich, dass die Artikel nur in Überschriften links stehen (auf dem Tablet gibt es nur die Liste), übersichtlicher fände ich was zweispaltiges mit Anreißern und einem kleinen Bild. Macht jeder so? Ja, hat was mit Gewohnheiten der Leser zu tun und sie dort abholen.

Kommentar: Stadtteilfonds, Bürgerjurys – und dann doch Ortsbeiräte?

Im Kommunalwahlkampf 2011, davor und danach war und ist die Uwiga für Ortsbeiräte in Darmstadt. Was aber damals abgelehnt wurde. Und der neue OB wollte auch lieber auf Quartiersforen setzen, in denen kein Parteiengezänk stattfindet. Ich sehe Ortsbeiräte skeptisch, da sie laut Hessischer Gemeindeordnung nicht hinreichend selbstständig sind und am Ende immer das Stadtparlament das letzte Wort hat. Wenn – so meine Überlegung damals und heute – sind Ortsbeiräte nur dann sinnvoll, wenn sie auch ein Budgetrecht für ihren Stadtteil haben.

Nun gibt es eine aktuelle Entwicklung: Stadtteile könnten im Rahmen des Bürgerhaushalts ein Budget bekommen, wie am Mittwoch (15.10.) die Bürgerbeauftragte auf einer Veranstaltung mitteilte. Über das Budget sollen dann “Bürgerjurys” entscheiden.

So sympathisch ich die Idee mit den Stadtteilfonds finde, glaube ich, dass in so einem Gremium schnell das parteipolitische Hick-Hack einzieht, wenn es über Geld entscheiden kann. Die Stadtteilrunde Kranichstein läuft als Quartierforum meiner Einschätzung nach deswegen so gut, weil es dort nichts zum Abstimmen gibt.

Und dann halte ich ordnungspolitisch betrachtet ein bei ordentlichen Wahlen bestimmtes Gremium wie einen – jetzt kommt das böse Wort – Ortsbeirat für die am saubersten legitimierte “Bürgerjury”. Es liegt dann halt an den Wählern, in die Ortsbeiräte nicht wieder die üblichen Verdächtigen der etablierten Parteien zu wählen. Zudem gibt es mit dem einzigen Darmstädter Ortsbeirat (Wixhausen) eine Blaupause, das System wäre HGO-kompatibel und relativ schnell installiert.

ZDF-heute-journal mit “Wahnsinn pur” und “Schockstarre pur” auf Quotenjagd

Aha, mir war das nicht alleine aufgefallen, dieses makaber-schräge “heute-journal” in der Halbzeitpause Brasilien-Deutschland.

Via Stefan Niggemeier gibt es eine Erklärung für diese ZDF-Aktion:

“Es will es in die Halbzeitpause quetschen, um auf diese Weise den Zuschauerschnitt der Sendung in die Höhe zu treiben.”

Und jetzt weiß ich auch, woher das Gefühl bei mir kam, warum die Sendung so daneben war, weil Niggemeier auf zwei Zitate hinweist: „Das ist Schockstarre pur“, sagte der eine Korrespondent und „Das ist Nahost-Wahnsinn pur” der andere. Und setzten so dekadentes Vergnügen (sorry, Fußball-WM ist nunmal Spaß und ein Luxus) auf eine Stufe mit dem Krieg zwischen der Hamas und Israel.

Nun doch Krautreporter

Ich habe mich geirrt, die Krautreporter haben es trotz ihres unprofessionellen Auftritt hinbekommen. Bedenkenträger war ich nicht, ich fand auch das Meckern über die Kreditkarte und die wenigen Reporterinnen und die fehlende Diversität kleinlich.

Aber das Marketing war so schlecht und die Site so nichtssagend und die genannten Themen so 08/15, dass ich keine Lust hatte, das zu bewerben. Jeder hätte mich doch gefragt, warum er dafür 60 Euro geben soll.

Und dann fand ich die Orga doch sehr improvisiert, mit vier Tagen Vorlauf kam eine Einladung nach Berlin, an einem Arbeitstag, das Blog kam irgendwann, Beiträge irgendwie spontan und sinnlos getaktet, naja.

Da entstand zwingend der Eindruck bei mir ein paar Berliner Alpha-Journalisten und -Blogger, versuchen jetzt mal eben mit Crowdfundig sich ihr Hobby (Schreiben über Dinge, die sie für sich interessant finden – ich sag’ nur jüdischer Siedler) von anderen bezahlen lassen.

Freundlicherweise hat die Augstein-Stiftung die Krautreporter nun gezwungen, meine Vorurteile auch zu widerlegen.

Krautreporter scheinen es noch zu schaffen

Da habe ich mich wohl geirrt. Die Krautreporter scheinen es zu schaffen. Unter anderem dank einer Spende:
Die Rudolf Augstein Stiftung fördert Krautreporter mit 1000 Mitgliedschaften. Und wenn am letzten Sammeltag pro Stunde so viele Unterstützer dazukommen wie aktuell, müsste die 15.000-Unterstützer-Grenze um 15 Uhr oder 16 Uhr erreicht werden.

Und ich glaube nicht, dass das Projekt bei 14.900 Unterstützern scheitert, da lohnt es sich für die 25 Macher doch noch selbst schnell zu “Abonennten” zu werden. ;-)

Ich hoffe, dass der wohl erfolgreiche Endspurt nicht von den Problemen, die ausgemacht worden waren, ablenkt. Nicht, dass es so läuft wie bei einer Pleite-Kommune, die durch Grundstücksverkäufe ihr strukturelles Defizit für ein Jahr ausgleichen kann und fröhlich weiter ins Defizit wirtschaftet. Da ist trotz Buchhaltungserfolg noch nichts anders.

Und die Stiftungsspenden (es gibt laut den Facebook-Krautreportern noch eine) zeigt mir eher, dass die Zukunft der Journalismusfinanzierung in einen anderem Modell liegt: Mäzenatentum. :-D

6. Juni: Krautreporter – Eine Orga wie Kraut und Rüben
3. Juni: Countdown bei den Krautreportern. Aber so wird das nichts.